News, Gregor geht!, 27.10.2010

Neue Wege gehen - mit Gregor on Tour, Teil 2

wildurb_kathedrale_santiagoWildUrb_GregorRucksackMarkierungssteinGregor Sieböck

    Gregor Sieböck ist auf dem Weg von Bad Ischl nach Santiago de Compostela. Im ersten Teil unserer Serie erzählt uns Gregor, wie ihn dieser Weg anregte, auch im täglichen Leben neue Wege zu gehen. Er war ohne vorheriges Training unterwegs und der Weg war erst einmal beschwerlich. Und so sitzt er in der Herberge und trifft Freunde: Chris, David und Daniel. Lest hier, wie es ihm weiter ergangen ist...

    Chris ist US-Amerikaner und war bereits seit der französischen Grenze mit Daniel aus Madrid zu Fuß unterwegs und David, der Sohn einer kubanischen Mutter und eines venezuelanischen Vaters wurde in Miami geboren, folgte dem Camino Primitivo seit Oviedo. Wir waren eine bunt zusammen gewürfelte Gruppe und schließlich den gesamten restlichen Weg bis Santiago immer wieder gemeinsam unterwegs, wobei jeder frei war, so schnell oder langsam wie er wollte zu gehen - manchmal war einer vorn, dann andere, dann trafen wir uns wieder in einer Bar und wanderten zusammen weiter. Beim gemeinsamen Abendessen tauschten wir dann die Erlebnisse des Tages aus. Wir lernten viel voneinander, philosophierten und forderten uns mit Fragen heraus und oftmals wanderten wir auch lange schweigend nebeneinander.

    ZU BEGINN DES CAMINO PRIMITIVO...
    verlief die Route meist entlang der Baustelle für die neue Autobahn A 63, welche eines Tages die asturische Bergwelt durchqueren soll. Sie wird in nur 20 Kilometer Luftlinie parallel zur auch in Bau befindlichen Transcantabrica Autobahn verlaufen. Täler werden bereits von riesigen Betonbrücken überspannt, Berge wurden inmitten auseinandergesprengt, riesige Auf- und Abfahrten zerschnitten alte Bergdörfer und der Lärm der Baumaschinen machte jedes geruhsame Pilgern zu Nichte! Auf der Nationalstraße, die durch die Autobahn entlastet werden soll, war nicht viel Verkehr (außer den Baumaschinen für den Autobahnbau) und alles hatte für mich den Anschein, dass es sich hier nur um ein Beschäftigungsprojekt für die daniederliegende spanische Bauindustrie handelte.

    Eine wunderschöne, magische Berglandschaft wurde für lange Zeit (bis all dieser Beton wieder zu bröckeln beginnt) zerstört und der Lärm der Straße wird einsame Bergtäler erfüllen. Für was? Für wen? Wohin wollen wir noch wachsen? Spanien verbraucht jetzt schon die Ressourcen von 2,5 Spanien, also 2,5 mal mehr als national zur Verfügung steht. Das Trinkwasser schmeckt selbst in kleinen Bergdörfern nach Chlor und es kommt einem ständig vor, man trinke ein Schwimmbad aus, der Müll wird wahllos weggeworfen, und häuft sich nicht selten am Wegesrand, in den Lebensmittelläden ist fast durchwegs nur ein „Industrie-Chemie-Cocktail“ in den Regalen zu finden. Abgesehen von Kalifornien bin ich noch durch kein anderes Land gewandert, in dem der Autoverkehr einen so großen Stellenwert zu haben scheint wie in Spanien.

    Überall sind sie: Autos! Das fällt gerade beim zu Fuß gehen besonders auf. Wohin wollen wir noch wachsen? Ein Frage, die gerade in der heutigen Zeit, wo dies die scheinbar einzige Zielvorstellung europäischer Politiker ist, ganz offen gestellt werden sollte. WIR BRAUCHEN, und das wurde mir auf der Wanderung durch Spanien wieder besonders vor Augen geführt, NEUE ZIELE. 

    ES GIBT ALTERNATIVEN.
    Das Bruttoglückprodukt in Bhutan, den Happy Planet Index als weltweite Bewegung oder auch die neue Verfassung Ecuadors, die den Schutz der Erde als ganz klares Ziel niedergeschrieben hat – das wäre doch zumindest auch für uns ein guter Anfang! Der Camino Primitivo führte an der mystischen Kathedrale von Lugo und durch ausgedehnte Wälder weiter in Richtung Santiago. Etwa 50 Kilometer vor dem Ziel vereinigte sich der Weg mit dem Camino Frances, dem wichtigsten und bedeutendsten aller Jakobswege und das fiel sogleich auf. Waren am Camino Primitivo gerade mal 20 bis 25 Pilger pro Tag unterwegs, bevölkerten an die 500 bis 600 Pilger die letzen hundert Kilometer des Camino Frances. Es war ein ganz schöner Wirbel, denn gerade wer zumindest die letzten 100 Kilometer bis Santiago wandert, bekommt dann dort im Pilgerbüro die begehrte Pilgerurkunde – das Compostelana – ausgestellt. Spanische Pilger ziehen daraus viele Vorteile, vor allem die bevorzugte Aufnahme bei Vorstellungsgesprächen in Unternehmen. Für jemanden, der kaum geht, waren aber auch 100 Kilometer in der Ebene eine ganz schön große Herausforderung, doch auch mir sollte noch eine Prüfung bevorstehen.

    IM PILGERORT MELIDE...
    schaute ich seit langem wieder in meine Emailbox und fand darin eine alte offenbar noch nicht aufgearbeitete Geschichte, die einen meiner einst besten Freunde betraf. So manch’ dummes Missverständnis und unser völlig andere Umgang mit Zeit hatten aber diese lange Freundschaft sehr schmerzhaft auseinandergeführt. Während ich die Zeilen las, merkte ich, dass ich immer noch traurig darüber war und so hörte ich mir am letzen Wandertag vor Santiago, als ich wieder mal im strömenden Regen alleine unterwegs war, Stefans „Anklage“ an und ließ ihn gedanklich alle seine Einwände vorbringen. Es war ein spannendes Experiment und ich merkte wie verletzt wir beide immer noch von den Ereignissen waren, doch dann stellte ich ihm die Frage, ob er nun alles gesagt habe? „Ja!“ Ich hatte keinen Einwand, sagte aber ganz klar, dass für mich nun die Sache ein für alle mal geklärt sei und ich keine negativen Emotionen mehr mitragen werde, aber auch nicht bereit sei, welche aufzunehmen. Plötzlich spürte ich, wie mich eine starke Kraft durchströmte und auf einmal ging das Gehen viel einfacher. Ich schien fast zu fliegen! Da wurde mir klar, wie mich meine eigenen Gedanken oft behindern und den Weg erschweren. Das war eine zentrale Erkenntnis vom Jakobsweg: es gilt Vergangenes abzuschließen, nicht so viel zu denken und dadurch freier durch die Welt zu ziehen. Die Freiheit kann ich mir aber auch ganz klar nur selber schaffen, indem ich weniger denke und bewusster im Augenblick lebe.

    DIE FORTSETZUNG folgt demnächst hier...

    Von: Gregor Sieböck

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