News, Gregor geht!, 09.01.2011

Gregor on Tour: Auf nach Lateinamerika, Teil 2

DelfineGregor SieböckAm Atlantik

    Die Schiffsreise nach Chile dauert vier Wochen. In Zeiten in denen wir es gewohnt sind, mit dem Flugzeug schnell in andere Länder zu reisen, mag das langsam erscheinen – doch es sind ereignisreiche Tage auf See. Vom kurzen Zwischenstopp in der Hauptstadt der Dominikanischen Republik berichtet uns Gregor hier...

    ICH FRAGE MICH...
    was geschehen ist, dass wir uns heutzutage so wenig Zeit nehmen? Warum wir uns in ein Arbeitsleben drängen ließen, das uns nur mehr einige wenige Wochen, Freiraum im Leben schenkt, wo dann scheinbar keine Zeit bleibt, um langsam zu reisen, weil ja alles schnell gehen muss. So lassen wir uns von vornherein bereits in festgefahrene Wege drängen; in Wege, die andere vorgeben, die mitunter gar nicht unsere eigenen sind – und was entsteht dabei? Können wir überhaupt unseren eigenen Lebensweg finden, wenn wir die Pfade anderer benützen? Was ist mit unserem Leben geschehen, dass wir meinen, wir können unsere Träume nicht mehr leben, dass wir glauben wir müssten all diesen Sachzwängen Folge leisten? 

    ENTSCHEIDEN HEISST VERZICHTEN
    Manchmal höre ich bei einem meiner Diavorträge, dass es für mich ja einfach sei: ich hätte keine Familie, kein Haus, keine fixe Arbeit. Ich könne ja in die Welt hinausziehen, ich hätte ja keine Verantwortung! Das stimmt nur sehr bedingt, denn ich habe mich genauso für meinen Lebensweg entschieden wie sich andere für den ihren entscheiden. Für mich war nur klar, dass ich nicht den ausgetretenen, von der Gesellschaft vorgezeichneten, Weg gehen wollte. Insofern habe ich Verantwortung übernommen: für meinen Weg und das Wohl der Erde.  Ist nicht die Eigenverantwortung - uns selber treu zu sein – die wichtigste Verantwortung, die es in unserem Leben zu übernehmen gilt? Wie kann ich Verantwortung für jemand anderen übernehmen wenn ich mir selber nicht treu bin? Ich denke über kurz oder lang geht das nicht, und es werden Situationen entstehen, die uns an unseren Weg erinnern: ein Schicksalsschlag, eine Krankheit, ein Todesfall – kurzum, ein Ereignis, das uns aus dem Kokon herausreißt, in dem wir uns zurückgezogen haben.

    UND IM JETZT LEBEN.
    Ich wollte nicht, dass es bei mir dazu kommt, also entschied ich mich mein Leben möglichst ohne diesen Kokon zu leben. Auch wenn dies nicht unbedingt einfach ist. Wenn ich länger in die Gesellschaft eingebunden bin, beginne auch ich, mich anzupassen. Doch der Preis, den ich dafür zahlen muss, wird mir dann bald wieder zu hoch und ich breche ganz bewusst aus: nehme mir Freiräume. Wenn ich nun nach Lateinamerika reise, so nütze ich meine Ersparnisse von der Vortragstournee für diesen Freiraum, anstatt mir darum ein Auto zu kaufen oder ein Haus zu bauen; ich zahle mein Geld in keinen Fonds ein, um später daraus vielleicht einmal irgendwelche Einkünfte ziehen zu können, sondern ich lebe jetzt und versuche dabei den Augenblick so erfüllend wie möglich zu gestalten.

    VÖGEL BEGLEITEN UNSER SCHIFF...
    ein Zeichen, dass wir bald Land sehen werden und einige Stunden später tauchen die ersten Berge am Firmament auf: Puerto Rico und die Mona Insel. Noch einige Seemeilen und wir erreichen die Dominikanische Republik, unsere erste Zwischenstation auf dem Weg nach Chile, doch wir können nicht anlegen. „Mañana“ heißt es von den Hafenbehörden in Caucedo. Zuerst sollten wir um 10:00 morgens an Land gehen, schließlich wird es acht Uhr abends, dann der nächste Tag um 7:00 und nun ist es Mittag, als wir in die türkisblaue Bucht von Hispaniola einlaufen.

    DIE UHREN LAUFEN HIER ANDERS...
    als in Europa und keiner scheint so wirklich in Eile zu sein. Nachdem die Leinen festgemacht und die Zollformalitäten erledigt sind, können wir an Land gehen. Außerhalb des Hafengeländes wartet bereits unser Taxifahrer, der uns in die Altstadt von Santo Domingo bringen soll. Ein Blick auf das Auto und ich überlege kurz, ob ich die dreißig Kilometer in die Stadt nicht lieber zu Fuß GEHEN soll: die Stoßstange fehlt, die Windschutzscheibe hat einige große Sprünge, dort wo einmal ein Blinker war, ragt nur mehr ein Loch aus der Motorhaube – aber das Autoradio scheint zu funktionieren, denn es läuft Dominikanische Salsamusik und obendrein grinst unser Taxifahrer von einem zum anderen Mundwinkel, als er uns drei Gringos kommen sieht. Er wittert ein gutes Geschäft! Bald stellt sich aber heraus, dass unsere Taxifahrer José keine Ahnung hat, wo es zur Altstadt von Santo Domingo geht. Er kommt vom nahegelegenen Boca Chica, das die Matrosen meist besuchen, wenn sie an Land gehen: Rum, Strand und hübsche Dominikanerinnen.

    OB WIR NICHT DOCH LIEBER...
    nach Boca Chica an den Strand möchten? Er könne uns auch eine nette Bar zeigen und einkaufen könnten wir obendrein. Doch das wollen wir nicht. Schließlich fragt er sich durch, hält an jeder zweiten Straßenecke und parkt dann sein Taxi vor dem Naturhistorischen Museum. „Da drinnen gibt es viel Geschichten; alle Arten von ausgestopften Vögeln, Pflanzen…es wird euch gefallen!“ Nein, José, das ist es nicht unbedingt was wir wollten: Centro historico, nicht historia natural!“ Nun frage ich nach dem Weg und erkläre dann José wie er am besten in die Altstadt kommt. Vorher hatte er gemeint, die gäbe es nicht mehr, Santo Domingo wäre langweilig, keine so tollen Ladies wie in Boca Chica, kein Strand; aber als wir schließlich auf dem Hauptplatz von Santo Domingo parken, bin ich begeistert:

    DIE ALTSTADT GIBT ES WIRKLICH...
    und sie ist wunderschön: alte Paläste aus der Kolonialzeit, Palmen und ein buntes Leben. Einige Einheimische haben am Plaza ihr Auto geparkt, darauf eine große Stereoanlage platziert und beschallen nun die ganze Umgebung mit Merengue. Dazu spielen sie Baseball mit Holzstöcken und als Ball dient der Deckel einer Plastikflasche. Eine andere Gruppe Dominiqueños hat sich dazugesellt und tanzt ausgelassen zur Musik. Ich stelle mir gerade vor wie das in Wien wäre, wenn jemand mitten im ersten Bezirk sein Auto parkt, die Musik voll aufdreht und zu tanzen beginnt. Schön, dass die Welt doch so unterschiedlich ist und wir alle, mit all unseren Träumen und Verrücktheiten darin Platz finden!

    ICH FÜHLE MICH...
    in die Zeiten von Christoph Kolumbus zurückversetzt, wenn ich durch die Straßen spaziere. Es gibt so viele besondere Orte zu entdecken und ich komme aus dem Staunen nicht heraus. José erzählt vom Leben auf der Insel, von seiner Familie, seinen vier Kindern, die seine ganze Zeit in Anspruch nehmen, der Lebensfreude und den Festen aber auch von der Korruption und Mafia, die das Land prägt. Viele Dominiqueños wollen die Insel verlassen. Sein Bruder sei mit seiner ganzen Familie nach Madrid ausgewandert und er, José, wolle auch nach Europa. Ich entdecke ein Werbeplakat des Präsidenten: ein Foto zeigt ihn von der Seite, er hält sich die Hand ans Gesicht und darunter steht „El destino“ – das Schicksal. Ist er das Schicksal der Insel? Gestaltet er es, oder trifft es ihn?

    ES IST BEREITS ABEND...
    als wir zurückfahren. Die Scheinwerfer funktionieren nicht, aber zum Glück ist ja Lukas, der Elektriker vom Schiff mit dabei und er repariert sie am Pannenstreifen der Straße so schnell, dass selbst José überrascht ist. José möchte uns unbedingt noch Boca Chica zeigen. Also gut! Viele Bars, Restaurants, Läden und ein Palmenstrand. So klingt der Abend am Strand aus, die Wellen schlagen ans Ufer und bald geht es weiter nach Kolumbien. Als uns José wieder zum Hafen zurückbringt gibt er mir kurz vor dem Abschied noch eine wichtige Erkenntnis preis: „Schau’ zu, dass Du keine vier Kinder bekommst!“ Er grinst, ich grinse zurück und es ist Zeit wieder auf das Schiff zurückzukehren.

    Von: Gregor Sieböck

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