News, UrbTV, 09.02.2011
Ein Spaziergang für sich allein.
Sie schreibt und unterrichtet. Sie erfindet, kreiert (Texte), motiviert und geht. Regelmäßig und aus Leidenschaft. Die Initiatorin von Wicky, Slime & Piper, Autorin des Buches "frei geschrieben" und ausserdem noch Founderin des Writersstudios: Judith Wolfsberger. Eine Powerfrau, eine "Spaziergehschreiberin". Wir durften sie ein Stück ihres Weges begleiten. Judith zeigt uns im UrbTV Beitrag ihren emotional Place, an dem sie sich beim Schreiben am wohlsten fühlt und gibt Tipps gegen Schreibblockaden. Here we go...
Ein Essay von Judith Wolfsberger.
GEHEN & SCHREIBEN NACH VIRGINIA WOOLF.
Virginia Woolf war eine große Frau mit langen Beinen und schnellem Schritt. Warum ich das weiß? Ich habe versucht ihre Wege nachzugehen. In London, in Cornwall, in Sussex. Von ihrem Sommerhaus in Rodmell ist Virginia Woolf regelmäßig nachmittags zur Künstlerkolonie ihrer Schwester Vanessa Bell hinüber zum Tee spaziert, sechs Meilen und dann wieder zurück. Diese langen, schnellen Spaziergänge waren Teil ihrer Schreibarbeit. Sie marschierte über die sanften Hügel von Sussex, entlang der Küsten Cornwalls oder quer durch London, jeden Tag ein paar Stunden lang. In ihren Tagebüchern notierte sie diese „walks“ gemeinsam mit den Ideen und Gedanken, die ihr beim Gehen zugefallen waren. Ganze Geschichten oder einzelne Wörter, die sie in ihrer Schreibhütte oder am Schreibtisch in London verarbeitete.
Auf meiner Reise auf den Spuren Virginia Woolfs durch Südengland bin ich ihre Spazier- und Wanderwege nachgegangen, wie sie die Literaturwissenschafterin Katherine Hill-Miller rekonstruiert hat. In Cornwall, im äußersten Westen Englands hat Virginia ihre Kindheitssommer verbracht und ist mit ihrem Vater weit und oft gewandert. Vier Stunden bin ich gegangen am schmalen Wanderweg entlang der felsigen Atlantik-Küste, umgeben von lila Heidekraut, hüfthohen Farnfeldern und orangen und violetten Blüten subtropischer Pflanzen. Vier Stunden am vielleicht schönsten Wanderweg der Welt. Jedenfalls hielt Virginia Woolf St. Ives und seine Umgebung für die Allerschönste. Ihre Wege führten sie oft von St. Ives nach Zennor. Und wieder zurück. Schon als Kind. Ich hingegen war sehr müde als ich in Zennor ankam, so kehrte ich im „Tin Inn“ ein und fuhr mit dem Touristenbus zurück nach St. Ives. Am Tag nach der Wanderung taten mir die Beine weh. Fest steht: Virginia Woolf hatte als Kind wie als Erwachsene eine ausgezeichnete Kondition.
In London ist Virginia Woolf die Straßenzüge und Parks abmarschiert, hat das Treiben der Großstadt beobachtet, die Menschen auf den Straßen und in den Häusern. Sie hat gerne bei Dämmerung in die beleuchteten Räume durch die Fenster gelugt und sich Geschichten über die beobachteten Männer, Frauen und Kinder ausgedacht. Sie liebte auch den Verkehr, das Summen und Brummen der Autos und Busse, die Bewegung, die Schwingung, den Rhythmus. Sie fuhr oft stundenlang im Obergeschoss des Doubledecker durch London. Das Leben an sich, das wollte sie spüren. Momente der Erkenntnis, ein Muster, ein Gefühl für Gesamtheit und Glück suchte und fand sie auf ihren Touren durch die Stadt. Wie andere am Strand Steine und Muscheln sammeln, so sammelte Virginia Woolf Ideen und Geschichten beim Gehen durch London.
Ich bin Virginias Kindheits-Spaziergänge durch den Kensington Garden und Hyde Park nachgegangen, die Wege der jungen Intellektuellen im Stadtteil Bloomsbury und den „Mrs. Dalloway-Walk“. Virginia Woolfs Spaziergänge brachten mich an meine Grenzen, meist brauchte ich fast doppelt so lang wie sie, die Frau mit den großen Schritten. Ich habe als junge Frau offenbar nicht die Kondition, die Virginia Woolf noch im Alter hatte und ich weiß, dass alles, was Virginia Woolf betrifft, eine Größe hat, die zu imitieren nur schmerzhaft wäre. Doch ich lasse mich inspirieren von Virginia Woolf, der Frau mit dem mutigen Wort, den großen Schritten und den schönen Spaziergängen.
Gehen war Teil des regelmäßigen Tagesablaufs von Virginia Woolf, Teil des Schreib-prozesses. Frische Luft und Bewegung tun dem Schreibenden gut. Schreiben und Gehen, Gehen und Schreiben, das eine befruchtet das andere. Sonnenlicht und Eindrücke vom Leben draußen weiten den starren Blick auf das Heft oder – heute – den Bildschirm. Danach geht das Schreiben wieder leichter. Doch mehr als das, viele SchriftstellerInnen wie Virginia Woolf tragen bewusst ihre Ideen spazieren. Gehen, gehen, gehen, schauen, schauen, schauen, loslassen, eintauchen, in „flow“ kommen. Und auf einmal, wie ein Blitz ist sie da: die neue Idee. So geht’s weiter mit meiner Geschichte, so will dieser Sachverhalt formuliert werden, hier liegt der Kern meines Arguments. Virginia Woolf schreibt über einen Moment, als sie beim Spazierengehen plötzlich einen ganzen Roman vor sich sah: „Then one day walking round Travistock Square I made up (…) „To the Lighthouse“ in a great, apparently involuntary rush. One thing burst into another. (…) the rapid crowd of ideas and scenes which blew out of my mind (…) as I walked."
"EIN ZIMMER FÜR SICH ALLEIN"
das brauchen Frauen, um zu schreiben, proklamierte Virginia Woolf im Jahr 1929 in ihrem berühmten gleichnamigen Essay und meinte damit auch die finanziellen Mittel, die es erlauben sich Zeit für das eigene Denken und Schreiben zu nehmen. Sie war aufgewachsen in der viktorianischen Gesellschaft, die von Frauen Abhängigkeit und Demut verlangte, in weißen Spitzenkleidern in „common rooms“ andere zu unterhalten. Das Zimmer für sich allein steht für Ruhe, Bildung, für Freiheit und Eigensinn als Basis für das Schreiben von Frauen.
Und heute? Heute haben viele Frauen ein Zimmer für sich allein. Heute haben Frauen den Universitätszugang, der Virginia Woolf und den Frauen ihrer Zeit verwehrt war. Viele haben Geld für sich, verdienen selbst. Aber heißt das, dass die Frauen von heute schreiben? Viel, gerne und aus innerer Freiheit? Trauen sie sich zu schreiben, was gesagt werden will und muss? Gehen sie über ihre Grenzen hinaus? So wie Virginia es tat?
Sie hatte große Hoffnung auf die Frauen der Zukunft: “if we live another century or so (…) and have five hundred a year each of us and rooms of our own ”, ja dann, dann.. Und es stimmt, heute gibt es mehr Autorinnen denn je. Aber ich begegne in meinen Schreibkursen und Diplomarbeits-Workshops vielen Frauen, die hadern, zaudern, auch scheitern am Schreiben. Ich selbst hadere, zaudere zuweilen und schiebe wichtige Schreib-Projekte auf. Was fehlt uns? Was bräuchten wir?
Einen Spaziergang für sich allein, jeden Tag, so wie ihn Virginia Woolf, die Frau mit dem schnellen Schritt unternahm. Am Weg findet sich ein Café, eine Parkbank oder eine Bibliothek, in der die Gedanken aufs Papier fließen können, die durch das Gehen in Gang gekommen sind. Virginia Woolf wusste genau, was neben Geld und einem eigenen Zimmer noch wichtig ist: „if we have the habit of freedom and the courage to write exactly what we think; if we escape a little from the common sitting room (…) and see the sky, too, and the trees (…) for no human being should shut out the view; if we face the fact, for it is a fact, that there is no arm to cling to, but that we go alone (…), then the opportunity will come.“ Um Freiheit und Mut zum Schreiben zu gewinnen, brauchen wir also den offenen Himmel und die Bäume, brauchen wir Spaziergänge.
"ON MY WALK I ALWAYS FELT MY MIND GLOW LIKE A HOT IRON"
Ein regelmäßiger Spaziergang für sich allein, das ist eine der Schreibstrategien, die uns weiterbringen werden. Schreiben und Gehen. Gehen und Schreiben. Wenn keine Zeit zum Gehen ist, dann ist keine Zeit zum Schreiben. Wenn der Kopf nicht leer und frei gegangen wurde, die notwendige Distanz zum Erledigungsschreibtisch spaziert wurde, dann sind da keine Worte, keine Ideen, kein Schreibfluss. Ich kenne nichts Schöneres als die Muße, alleine von zu Hause in den Park zu spazieren oder quer durch die Innenstadt zu gehen, um mich dann auf eine Parkbank oder in den Lesesaal der Nationalbibliothek zu setzen, die Feder anzusetzen und zu schreiben, als wäre nichts anderes im Leben. Zur Ruhe kommen, nein zu mir. Gehen, gehen, gehen. Den Rhythmus der eigenen Schritte spüren, wie in Trance andere überholen oder vorbeilassen, abbiegen, über die Gehsteigkante und die Straße, die Treppe hinauf und die große Tür aufziehen. Ankommen bei mir. Oder schauen, schauen, schauen, was die anderen Menschen tun, ihre Gesichter als Frage, wer steckt hinter dieser ernsten Grimasse und mit wem spricht diese Frau so aufgeregt am Handy? Zur Ruhe kommen im Gehen, zu mir kommen, die Blätter auf den Bäumen bewundern, wie sie rasch größer und dunkler werden, den Vögeln zuhören, sich vom springenden Eichkätzchen erheitern lassen... (gekürzte Fassung, vollständigen Text hier downloaden)
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