News, UrbTV, 16.12.2011

Zurück in die Zukunft.

    Auf dem Weg des WildUrb Tracks „Muntere Welten“ befindet sich das vor kurzem eröffnete Turnerdenkmal, dort wo einst der Turnertempel stand: Er war das erste öffentlich und sogleich monumental in Erscheinung tretende Zentrum der jüdischen Gemeinde und sollte auch forthin das bedeutendste bleiben. In der Turnergasse 22 wurde als dritte Synagoge Wiens (nach dem Haupttempel in der Seitenstättengasse und dem Leopoldstädter Tempel) 1871/72 nach den Plänen Carl Königs errichtet und ersetzte das seit 1849 gemietete und provisorisch eingerichtete Bethaus in der Sperrgasse 9 (vorm. Feldgasse).

    Bereits 1869 wurden in dem angrenzenden Wohnhaus, das zum Grundstück gehörte und als Gemeindehaus genutzt wurde, eine Religionsschule mit 4 Klassen, Wohnungen für die Gemeindebeamten, Kanzlei und Sitzungssaal eingerichtet. Forthin lebten im Gemeindehaus die Rabbiner und Kantoren sowie jüdische MieterInnen, und es waren darin zahlreiche Vereine von traditionell karitativ-religiöser Prägung untergebracht.

    In der Reichkristallnacht des November 1938 wurden von NS-Mannschaften Bücher und Sakralgeräte auf dem Vorgarten verbrannt und schließlich wurde der Tempel selbst – gleich allen anderen freistehenden Tempeln Wiens – in Brand gesetzt. Die herbeigerufene Feuerwehr sicherte den Parteibefehlen entsprechend nur die Nachbarhäuser.

    Und genau an diesem so schicksalsgeprägten Ort treffen wir am Tag des Novemberprogroms einen besonders interessanten Zeitzeugen: Moshe Hans Jahoda. Für die Eröffnung des Turnerdenkmals ist er extra aus Israel nach Wien angereist und er erzählt uns, wie er als kleiner Junge vor der brennenden Synagoge stand und wie er weinte, als er den Dachstuhl in sich zusammenbrechen sah. Niemand fragte ihn, warum er weint. Alle dachten, je mehr man etwas ignoriert, desto mehr Sicherheit hat man im Leben. Und ich frage mich ernsthaft, ob sich da irgendetwas geändert hat. Heute wie damals denken manche Menschen leider immer noch so und ich wünsche mir, dass ein Zurückschauen die Zukunft verändert.

    Moshe Jahoda erinnert sich ungern an die grausame Kindheit und die großen Enttäuschungen, die er hier in Wien erlebt hat. Eine große seelische Hilfe meint er, war es dann, als er durch das Projekt Herklotzgasse21 plötzlich junge Menschen angetroffen hat, die nach den Menschen von damals und ihren Kinderheitsgeschichten gefragt, geforscht und gewühlt haben. Er hat dadurch auch positive Erinnerungen ins hier und jetzt holen können. Erinnerungen an eine Heimat, wie es sie hier für ihn einmal war.

    Das Denkmalprojekt wurde gemeinsam mit dem Kuratorium für Kunst im öffentlichen Raum (KÖR) und der Gebietsbetreuung XV und der Bezirksvertretung und unter Beteiligung der BürgerInnen des Viertels sukzessive vorbereitet – und schließlich in einem geladenen KünstlerInnen-Wettbewerb umgesetzt.

    Das Denkmal soll für die jetzigen BewohnerInnen des Viertels und für StadtbesucherInnen – insbesondere die Vertriebenen jüdischer Herkunft und ihre Nachkommen – dasein. In seiner historischen Dimension hat es jenen Ort symbolisch wiederzubesetzen, der das weithin sichtbare und in seiner ästhetischen Erscheinung selbstbewusste Zentrum einer bedeutenden jüdischen Vorstadtgemeinde darstellte.

Es soll – potentiell – die gesamte jüngere Geschichte dieses Ortes in seiner historischen, politischen und soziologischen Symptomatik thematisieren und reflektieren. Mehr Infos dazu hier.

    Moshe Jahoda (geb. Hans Jahoda)
    Geboren 1926 und aufgewachsen in der Geibelgasse 13 im 15. Bezirk.
Seine Familie besaß in der Schottenfeldgasse im 7. Bezirk eine kleine Buchdruckerei, die sein Vater leitete. Er und seine jüngere Schwester Gerti besuchten den Kindergarten in der Herklotzgasse.
Moshe Jahoda war Mitglied im Turnverein und in der zionistischen Jugendbewegung Hanoar Hazioni. Im März 1939 konnte er mit einem Transport der Jugendalijah als einziger seiner Familie mit dem Zug das Land verlassen. Seine Eltern und seine Schwester wurden in Auschwitz ermordet.
Nach einer erfolgreichen Karriere in verschiedenen öffentlichen Institutionen Israels ist
er seit 1999 Vertreter der Claims Conference in Wien.
 Mit seiner zweiten Frau Shulamit lebt er heute in Tel Mond. Er hat zwei Söhne und eine Tochter (gest. 2003) sowie 12 Enkelkinder.

    Vielen Dank an Judith Pühringer und das Team des Projektes Herklotzgasse21 für die freundliche Genehmigung Eure Texte auszugsweise im Beitrag zu verwenden.

    By: Doris Rittberger

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