News, UrbTV, 26.01.2012

Die Sprache des Gehens.

    „Gehen ist das körpersprachliche Signal mit der größten Fernwirkung. Kein anderes Signal wirkt auf so große Entfernung. Wenn Augensignale, Mundmimik und Fingerstellung nicht mehr erkannt werden, sieht man an der Art des Ganges noch immer viel über unser Inneres und unsere Denkweise, über die Haltung und Einstellung, die wir dem Leben gegenüber gerade oder im Allgemeinen einnehmen. Strahlt die GEHERin Dynamik aus, schleppt sich der GEHER dahin. Ist er in Eile oder versucht sie mit jedem Schritt einen kleinen Umweg zu machen, all das sind Signale,“ erzählt uns Stefan Verra, der Körperspracheexperte und viel gereiste Keynotespeaker. Er hat sich für uns mit dem Gehen beschäftigt und kann einiges darüber berichten...

    Über den Mechanismus:
    Gehen verbraucht unglaublich wenig Energie. Auch untrainierte Menschen können vom Stand weg stundenlang gehen (besonders wenn Ausverkauf ist). Menschliches Gehen braucht zwei Voraussetzungen: Schwerkraft und eine gewisse Entfernung des Schwerpunktes vom Boden. Der erste Schritt beim Gehen ist - nein, nicht ein Bein vor das andere setzen. Viel einfacher: Steh mal auf! Ja jetzt, oder willst du nur theoretisch drüber nachdenken?

    Stell dich symmetrisch hin, das heißt, beide Beine gleich belastend. Nun lass dich langsam nach vorne fallen. Immer weiter, und weiter. Irgendwann kommt der Punkt an dem du nach vorne zu fallen drohst. Jetzt gibt‘s zwei Möglichkeiten: entweder dich haut‘s auf die Pfeife oder du fängst dich mit einem Bein ab, indem du es nach vorne ausstellst - ersteres hat die Evolution ausgeschieden. Durch dieses Vorkippen und Beinausstellen entsteht ein Schwung. Diesen nutzt der Geher nun aus, indem er beim Vorkippen bleibt und einfach das zweite Bein zum Abfangen nimmt. Dann wieder das erste und so weiter. Wir nutzen die Erdanziehung aus, und verwenden nur ein wenig Energie. Gerade soviel um uns vorm Stürzen abzufangen.

    Wir sind geborene URBs: der Mensch ist zum Gehen gebaut! Weil wir so hoch aufragen (höher als jedes andere Lebewesen im Verhältnis zur horizontalen Ausdehnung - ok die meisten zumindest) nutzt uns gerade die Schwerkraft besonders viel. Wir pendeln uns durchs Leben. Je mehr du gehst, umso effizienter lernst du es zu tun.

    Und doch geht jeder ein wenig anders. Tiere derselben Art gehen weit ähnlicher als Menschen. Wir müssen gehen, wie die meisten Bewegungen mühsam erlernen. Absolute Reflexe sind bei uns nahezu ganz „weg-evolutioniert“. Geblieben sind fast nur Greif- und Saugreflex. Dann wird's schon dünn. Ein neugeborener Mensch ist deswegen auch nicht alleine lebensfähig. Vergleiche dazu ein Pferdefohlen: bereits 20 Minuten nach der Geburt geht es selbständig mit der Herde mit.

    Verantwortlich dafür ist der Neocortex (Großhirnrinde), weil er viele absolute Reflexe unterdrückt. Somit muss sich das Gehirn die Bewegungen wieder einzeln zusammenbauen, um einen flüssigen Ablauf draus zu machen. Das erscheint ein Eigentor der Natur zu sein, wenn wir damit bei den Tieren ins Hintertreffen fallen. Zu kurz gedacht: Wir haben damit als einziges Lebewesen die Möglichkeit, nahezu unendlich viele verschiedene Bewegungsmuster zu erlernen. Pferdefohlen hingegen erlernen zwar reflektorisch das Gehen leichter, bleiben aber auch ausgewachsen in diesem Muster gefangen.

    Dies ist ein Grund, warum wir Menschen über unseren Gang sehr viel über unser Inneres und unsere Denkweise mitteilen. Stefan erzählt uns von den verschiedenen Aspekten, an denen man am Gehen deutliche Signale der Körpersprache ausmachen kann. Besonders interessant finde ich es, dass immer mehr Menschen in gebeugter Haltung durchs Leben gehen. Denn Stefan meint, dass der Grund dafür ein sich Verschließen vor der Außenwelt ist, was sich darauf begründet, dass wir mehr und mehr mit Informationsflut, Alltagsstress und ungesunden Lebensbedingungen zu kämpfen haben bzw. uns darin überfordert sehen, alle Erwartungen an uns und an das Leben zu erfüllen. Umgekehrt beeinflusst unsere Haltung unseren inneren Gemütszustand. Das beweisen nicht nur viele Studien, sondern das wissen wir alle aus Erfahrung, oder? Wie sagt Roland Düringer so schön: Ned sovül denken, mehr leben – Kopf hoch, Schultern zurück und Popsch raus, Blick geradeaus - yes, we can!

    Stefan Verra`s Analysen hier speziell für euch:

    Schlittschuhschritt:
    Es gibt Menschen (oft Männer) deren Füße bei jedem Schritt ein wenig links und rechts von der Ideallinie ausscheren. Das ist ein hoher Energieaufwand. Denn der aufgewendete Einsatz wird nicht zur Gänze ins Vorankommen investiert sondern ein wenig Seitwärtsbewegung ist immer mit dabei. Zudem nimmt dieser Mensch beim Gehen mehr Raum ein was ihn mächtiger erscheinen lässt. Du hättest jetzt gern gewusst "warum" ein Mensch sich so einen Gang angewöhnt. Hey, ich weiß es auch nicht. Und zudem haben wir beide ja keinen Therapieauftrag von einer speziellen Person, meint Stefan Verra. Beobachte es einfach und du wirst bewusster mit dieser Person kommunizieren. Es hilft zu erkennen, wie er drauf ist und du kannst besser darauf eingehen!

    Wippen:
    Es gibt Menschen, die beim Gehen auf und ab wippen. Du erkennst es gut an auf und abfliegendem Haar. Damit wird auch Energie in Flugversuche investiert. Zudem ist die Person bei jedem Schritt ein bissl größer. Da muss man schon viel Energie zur Verfügung haben.

    Statisch...
    ... im Schulterbereich: Hier ist beim Gehen eine leichte auf und ab bzw. Drehbewegung zu erkennen. Nun gibt es Personen, die hemmen hier jede Bewegung. Das sieht alles sehr ruhig und unbewegt aus. Dabei wird Bewegung in Muskeltonus investiert, um dort oben nicht beweglich zu sein.

    Arme:
    Sie schwingen oft gar nicht mit. Auch da muss Spannung  für Bewegungsunterdrückung aufgewendet werden. Großes Schwingen sieht man oft bei dickeren Frauen und Männern. Sie müssen sich so zu sagen durchs Leben rudern.

    Handrücken:
    Bei Männern oft nach vorne gerichtet: ein gut entwickelter Brustmuskel (m. pectoralis) und breiter Rückenmuskel (latissimus dorsi) dreht die Handrücken etwas nach vorne. Je mehr Muckis desto weiter sind die Handflächen hinten. Das sieht bei manchen extrem nach Gorillamännchen aus. Zudem schwingen Männer eher nach vorne mit den Armen.

    Bei Frauen führt das weiter aufklappbare Ellbogengelenk zum Gegenteil. Die Arme schwingen eher nach hinten. Damit sind Handflächen manchmal weiter nach vorne gerichtet als bei den Männern. Achtung: das lässt sich auch beim jeweils anderen Geschlecht beobachten. Es geht hier nämlich mehr um Muskel- bzw. Gelenkeigenschaften und weniger um das Geschlecht an sich.

    Lass dir beim Gehen Zeit und beobachte dabei andere URBs. Was kannst du an deren Körpersprache erkennen? So wirst du dir deines Ausdrucks beim Gehen bewusster - denn mit diesem Bewusstsein wirkst du immer auf dein Umfeld. Auch wenn du noch gar nix gesagt hast. Nur wer sich seiner eigenen Körpersprache bewusst ist, kann die Anderen vollständig wahrnehmen.

    URBigste Grüße,
    Euer Stefan Verra

    Körperspracheanalysen und Tipps auf FacebookTwitterXing und www.stefanverra.com

    Den Beitrag findet ihr übrigens auch auf okto.tv!!

    By: Stefan Verra

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